Ich kenne diesen Bergsee. Zumindest glaube ich das jedes Mal, wenn ich am Ufer stehe. Die Wege, die Steine, die gewaltigen Berge auf der anderen Seite: Alles ist mir vertraut. Trotzdem sehe ich hier nie zweimal dieselbe Landschaft.
An diesem Herbsttag war der See unruhig. Der Wind trieb kleine Wellen über das Wasser und ließ kaum eine Spiegelung bestehen. Das Ufer lag tief im Schatten. Auf der anderen Seite aber leuchteten einzelne Berghänge in einem warmen Licht, das sie beinahe aus der dunklen Landschaft heraushob.
Mein Blick wanderte immer wieder zu diesen hellen Flächen. Dort wurden Linien sichtbar, Felsen bekamen Konturen, und die letzten Herbstfarben schienen stärker zu leuchten. Gleich daneben verschwanden ganze Hänge im Dunkel.
Ich mag solche Gegensätze. Sie lassen eine Landschaft geheimnisvoll wirken, ohne dass man ihr etwas hinzufügen muss. Das Licht zeigt einen Teil und überlässt den Rest unserer Vorstellung. Beim Fotografieren muss schließlich nicht alles gleichermaßen sichtbar sein.
Auf dem Bild zu diesem Beitrag liegt ein Stück verwittertes Treibholz zwischen dunklen Steinen. Es wirkt unscheinbar, fast verloren am Ufer. Dahinter erstreckt sich der See bis zu den Berghängen, auf denen noch warmes Herbstlicht liegt. Durch die lange Belichtung ist das zuvor unruhige Wasser weich geworden. Ich wollte genau diesen Gegensatz festhalten: das raue Holz ganz nah, die ruhige Wasserfläche dahinter und das Licht auf den Bergen in der Ferne. So bekam die gewaltige Landschaft für mich einen Anfang.
Auch andere Kleinigkeiten hielten mich auf. Kiefernäste, die sich vor den Bergen abzeichneten. Ein alter Metallhaken am Ufer. Kahle Zweige, deren feine Linien vor der mächtigen Felswand beinahe zerbrechlich wirkten. Dinge, an denen man leicht vorbeigeht, wenn der Blick nur auf die große Aussicht gerichtet ist.
Vielleicht ist das die eigentliche Schwierigkeit bei solchen Landschaften. Sie bieten so viel, dass man schnell alles auf einmal zeigen möchte. Den ganzen See, die Berge, den Himmel. Aber manchmal gewinnt ein Bild, wenn man etwas weglässt. Wenn ein Stück Holz, eine einzelne Linie oder eine helle Fläche genügt.
Bei anderen Aufnahmen ließ ich die Bewegung des Wassers bewusst sichtbar. Für das Bild mit dem Treibholz gefiel mir dagegen die Ruhe der langen Belichtung. Sie nimmt dem Wind seine Unruhe im Bild und lässt den kleinen Fund am Ufer ebenso wichtig werden wie die großen Berge dahinter.
Aus diesen Beobachtungen entstand mein neues Fotoprojekt Wenn das Licht entscheidet. Darin geht es um einen vertrauten Bergsee, der durch Wind, Schatten und einzelne helle Flächen einen ganz anderen Charakter bekam.
Ich glaube, deshalb zieht es mich immer wieder an Orte zurück, die ich schon häufig fotografiert habe. Nicht, um dasselbe Bild noch einmal aufzunehmen. Mich interessiert, was bisher am Rand meines Blicks geblieben ist.
Manchmal ist es ein großer Berghang im Licht. Manchmal nur ein dunkles Stück Holz zwischen den Steinen. Entscheidend ist, was mich dazu bringt, stehen zu bleiben und genauer hinzusehen.
2 Kommentare zu „Wohin das Licht fällt“
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Auf den ersten Blick nahm ich an, das Wasser sei von einer matten Eisschicht bedeckt und wollte schon beim Ansehen frieren. Was für ein eindrucksvolles Licht auf dem Hang!

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