Der Herbst hat offenbar etwas übersehen.
Zwischen den kahlen Zweigen hing ein einziges Blatt. Orange, fast golden, und so klein in diesem dunklen Durcheinander, dass ich beinahe daran vorbeigegangen wäre. Die anderen Blätter waren längst verschwunden. Nur dieses eine schien sich mit dem Abschied noch nicht abgefunden zu haben.
Ein wenig musste ich schmunzeln. Der Wind hatte seine Arbeit ziemlich gründlich erledigt. Ringsum standen nackte Äste, als hätten sie den Herbst längst hinter sich gelassen. Und mittendrin hing dieser kleine Nachzügler, als ginge ihn das alles nichts an.
Auf dem Foto ist das Blatt das einzige Stück Farbe, das sich wirklich behauptet. Die Zweige ziehen als feine, dunkle Linien durch das Bild. Dahinter verliert sich der Wald in einem weichen, beinahe schwarzen Hintergrund. Viel ist nicht zu sehen. Aber genau das gefiel mir.
Ich habe das Blatt bewusst klein im Bild gelassen. Ich wollte ihm Raum geben und zeigen, wie allein es zwischen den leeren Ästen hängt. Das warme Orange bekommt seine Wirkung erst durch die dunkle Umgebung. Wäre der Hintergrund heller oder voller bunter Blätter, hätte ich es womöglich gar nicht bemerkt.
Vielleicht ist es das, was mich an solchen Motiven immer wieder fasziniert. Ein großer Wald bietet unzählige Möglichkeiten, aber manchmal reicht ein einziges Blatt, um mich zum Stehenbleiben zu bringen. Eine kleine Abweichung vom Gewohnten. Etwas, das eigentlich schon verschwunden sein sollte und dennoch seinen Platz behauptet.
Natürlich könnte man darin gleich eine große Geschichte entdecken. Über das Festhalten, das Loslassen und den Mut, anders zu sein. Vielleicht sogar über die Schwierigkeit, sich von etwas zu verabschieden, das einmal selbstverständlich war.
Aber wenn ich ehrlich bin, gefällt mir auch der viel einfachere Gedanke: Vielleicht ist dieses Blatt einfach nur hängen geblieben. Die Natur muss uns schließlich nicht mit jeder Kleinigkeit eine Lebensweisheit übermitteln.
Und trotzdem lässt mich der Anblick nicht ganz los. Denn er erinnert mich daran, wie leicht wir über die kleinen Dinge hinwegsehen, sobald wir glauben, eine Landschaft bereits verstanden zu haben. Ein kahler Baum ist eben ein kahler Baum. Der Herbst ist vorbei. Das Bild scheint fertig.
Bis irgendwo ein winziger Rest Farbe auftaucht und alles verändert.
Der Herbst hatte fast alle Blätter mitgenommen. Dieses eine hat er wohl vergessen.
Mir kam das ganz gelegen.
2 Kommentare zu „Eines hat der Herbst vergessen“
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Ein wunderbares Bild und mir gefällt der Gedanke, einfach etwas stehen zu lassen, ohne dahinter einen tieferen Sinn zu sehen oder ihn hineinlegen zu wollen.
Liebe Grüsse vom heute sonnigen Bodensee
Sandra -
❤

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